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Val McDermid: Die Geiselnahme

(Unter dem Textauszug finden Sie ein Kurzporträt des Buchs und der Autorin.)



Schimpfende Krähen veranstalteten ein Mordsspektakel in den Bäumen, die das Ufer des Kelvin säumten. Eiskalter Nieselregen aus dem niedrigen Himmel färbte die Landschaft grau. Nichts, dachte Lindsay, könnte sich deutlicher von Kalifornien unterscheiden. Die einzige Gemeinsamkeit mit dem Zuhause, das sie vor drei Monaten verlassen hatte, war der Rhythmus ihrer Füße, wenn sie ihre täglichen drei Kilometer lief. An Morgen wie diesem fiel es Lindsay schwer, sich daran zu erinnern, dass sie diese Stadt einst geliebt hatte. Als sie nach dem Studium und dem Voluntariat als Journalistin nach Schottland zurückkehrte, war Glasgow für sie das Paradies gewesen. Sie hatte Geld in der Tasche, war jung, frei und ungebunden, und die Stadt begann gerade einen Veränderungsprozess, der sie bis zur Jahrtausendwende zu einer der lebendigsten Metropolen Großbritanniens machen sollte. Jetzt, fünfzehn Jahre später, war es unbestreitbar ein guter Ort zum Leben. Das kulturelle Leben pulsierte, und die kosmopolitische Restaurantszene reichte von spottbillig-spaßig bis pompös-glamourös. Es gab viele schöne Ecken zum Wohnen, und für eine Großstadt war Glasgow erstaunlich grün. Zudem lag eine der schönsten Landschaften der Welt nur eine Autostunde entfernt. Doch sie konnte nur daran denken, wie gerne sie woanders wäre. Nach sieben glücklichen und erfolgreichen Jahren in Kalifornien hatte sie das Gefühl, dieses enge Land stecke nicht mehr voller Möglichkeiten. Teilweise lag das am Wetter, dachte sie, und wischte sich die kalte Mischung aus Schweiß und Regen vom Gesicht. Wer würde sich an einem solchen Morgen nicht nach Sonnenschein und Pazifikbrandung sehnen?Teilweise lag es daran, dass sie ihren Hund vermisste. Mutton hatte sie beim Laufen immer begleitet und eifrig mit dem schwarzen Schwanz gewedelt, sobald sie in ihren Joggingsachen die Treppe herunterkam. Aber nicht im Traum hatte sie daran gedacht, ihn für sechs Monate in einen Quarantänezwinger zu stecken. Also hatten ihn Freundinnen in der Bay Area aufgenommen, bei denen er garantiert glücklich war. Wahrscheinlich hatte er sie längst vergessen.Aber vor allem lag es daran, dass sie nichts Sinnvolles mit ihrer Zeit anfing. Lindsay hätte sich nie als eine Frau bezeichnet, die sich über ihren Job definiert, aber ihre momentane Arbeitslosigkeit hatte ihr klar gemacht, wie sehr ihre Identität an einem Job und einem eigenen Einkommen hing. Ohne irgendeine Art der Beschäftigung fühlte sie sich ausgegrenzt. Wenn die Leute sie fragten: "Und was machst du so?", wusste sie keine Antwort. Weniges verabscheute sie mehr als dieses Gefühl der Machtlosigkeit.


© Argument Verlag mit Ariadne, 2003



Zum Roman

Lindsay Gordon kehrt nach einigen Jahren unter der Sonne Kaliforniens zurück nach Glasgow, wo ihr die Arbeitslosigkeit und der Kinderwunsch ihrer Liebsten schwer zu schaffen machen. Ihr Leben wird auf den Kopf gestellt, als sie die Journalistin Rory McLaren kennen lernt, die ihr einen Job anbietet. Der Sohn eines Gebrauchtwarenhändlers ist entführt worden, und Lindslay sieht die Chance für eine spektakuläre Reportage. Die Spur führt nach St. Petersburg ...



Zur Autorin
Val McDermid wuchs Ende der 50er Jahre in der schottischen Bergarbeiterstadt Kirkcaldy auf und lebt inzwischen in Manchester. Nach dem Literaturstudium in Oxford war sie einige Jahre als Journalistin und Dozentin tätig und arbeitet seit 1991 als freie Schriftstellerin. Sie schreibt Kriminalromane und verfasst Drehbücher für Fernsehfilme. In Deutschland wurde Val McDermid zuerst mit den beiden Serien um Lindsay Gordon und Kate Brannigan bekannt, die als Ariadnekrimis im Argumentverlag erscheinen. Inzwischen sind 20 ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt worden; viele davon sind bei Droemer Knaur erschienen. Im Fernsehen ist McDermid oft präsent. In Großbritannien führt sie häufig die Bestseller-Listen ihres Genres an. Auch hierzulande sind ihre Krimis inzwischen sehr beliebt.Sie wurde u.a. mit dem 'Gold Dagger' der britischen Crime Writers Association geehrt. 2004 erhielt sie einen 'Barry Award' der amerikanischen Krimizeitschrit 'Deadly Pleasures' für Echo einer Winternacht.



Sonja Finck  | sonja.finck@gmx.de