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Ryad Assani-Razaki: Iman

 

Alles begann mit zwei Händen und einem Tausch. Ich war damals ungefähr sechs Jahre alt. Es ist meine erste Erinnerung: Eine Hand, die meines Vaters, eine schwarze, schwielige, von der Feldarbeit staubige Hand, streckt sich einer anderen entgegen, einer zarten, zierlichen, manikürten Hand, und diese Hand hält den größten Geldbetrag, den ich je gesehen hatte. 15.000 FCFA, 23 Euro, und mein Schicksal war besiegelt. Ich erinnere mich noch genau an
das Gesicht meines Vaters, an die schwarze, von der Sonne gegerbte Haut, straff wie die einer Trommel. An sein Grinsen. Das Bild seiner gelben Zähne unter der hochgezogenen Oberlippe hat sich mir eingebrannt. Ich frage mich, was er in jenem Moment dachte. Was empfindet man, wenn man den eigenen Sohn verkauft? Leider sollte ich eine Antwort auf diese Frage bekommen, wenn auch erst Jahre später, als ich selbst den Menschen verriet, den ich am meisten liebte. Viele Jahre lang war ich wütend auf meinen Vater, nicht so sehr wegen dem, was er getan hatte, denn das konnte ich mir erklären, sondern wegen dieses Gesichts-ausdrucks. Weder zufrieden noch traurig. Das Gesicht meines Vaters war zu einer Maske erstarrt, und mein Leben lang sollte ich versuchen, diese Maske zu deuten. Ich kann einfach nicht glauben, dass es Gleichgültigkeit war. Denn dann hätte mein Leben keinen Sinn, und ein Kind oder eine Kuh zu verkaufen wäre dasselbe. Ein reines Geschäft. Freude konnte es auch
nicht sein, denn was soll man von einem Vater halten, der sich freut, wenn er sein Kind verkauft? Ein Drittel meiner Persönlichkeit stammt von meinem Vater, ein weiteres Drittel
von meiner Mutter, und das letzte besteht aus meinen eigenen Erfahrungen. Ich will unbedingt glauben, dass ein ebenso großer Teil von mir unglücklich war, als ich später den Menschen verriet, den ich am meisten liebte. Was ist mit Traurigkeit? Keine Ahnung, ob ich mir wünsche, dass mein Vater an jenem Tag traurig war, denn das würde bedeuten, dass er glaubte, mich ins Unglück zu schicken, und es trotzdem tat. Was kann einen Mann dazu bringen, sein
eigen Fleisch und Blut zu verkaufen? Not? Das bezweifle ich. Ich habe gelernt, dass man für Menschen, die man liebt, jede Not erträgt, dass man bis zuletzt für sie kämpft. Das hat mir Iman beigebracht.

Was auch immer mein Vater für einen Grund hatte, ich kostete 15.000 FCFA an einem Regentag. Sehr viel später würde ich so viel in einem Monat verdienen, und ich zitterte
jedes Mal am ganzen Leib, wenn mein Chef mir am Monatsende die zerknitterten Scheine in die Hand drückte. Die Scheine, die mich kauften, waren neu. Sie waren steif und glänzend. Sie waren schön. Später erfuhr ich, dass die Frau, die mich kaufte und die mir befahl, sie Tante Caro zu nennen, extra bei der Bank vorbeigegangen war, bevor sie die Reise von der Hauptstadt in mein Dorf im Norden des Landes angetreten hatte. Sie unternahm diese Reise regelmäßig, mindestens einmal im Monat. Das war ihre Arbeit. Sie kaufte Kinder von ihren Eltern und verkaufte sie an den Höchstbietenden weiter. Ihre Kunden, bei denen die
Kinder arbeiteten, zahlten Tante Caro monatlich eine feste Summe, und von diesem Geld kaufte sie noch mehr Kinder. Im Gegenzug durften die Kinder ihr Glück in der großen Stadt versuchen, und fünfzehn oder zwanzig Jahre später ernteten die Eltern die Früchte ihrer Investition: Das Kind, ihr ganzer Stolz, hatte eine Erziehung in der Stadt genossen, es war selbstständig und vor allem zivilisiert. Wenn alles gut lief. Ich habe mich oft gefragt, wie Tante Caro auf die Idee gekommen war, ihren Lebensunterhalt mit dem An- und Verkauf von Kindern zu verdienen. Eine Weile glaubte ich, das läge daran, dass sie keine eigenen Kinder hatte, aber
irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass es leichter ist, wenn es die Kinder anderer Leute sind.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wo meine Mutter an jenem Tag war. Vielleicht hatte mein Vater sie unter einem Vorwand weggeschickt, während er das Geschäft abwickelte. Aber sie wusste Bescheid, denn sie hatte mir ein paar Kleider zusammengepackt. Gleich nach unserer Ankunft in der Stadt warf Tante Caro meine Sachen weg und kaufte mir neue, um die letzten Erinnerungen an meine Mutter auszulöschen. Sie fragte, ob ich mich über meine neuen
Kleider freuen würde. Doch der wahre Grund für ihre Großzügigkeit war, dass sie mich in der neuen Verpackung besser verkaufen konnte. Trotzdem war sie kein schlechter Mensch. Ich würde ihr später nicht mehr oft begegnen, und ich würde nie wieder so viele Stunden am Stück mit ihr verbringen wie auf dem Weg von meinem Dorf in die Hauptstadt. Nachdem ich mich zum letzten Mal in meinem Leben von meinem Vater verabschiedet hatte, rannte
ich im Regen zu Tante Caros Peugeot 504, kletterte auf die Rückbank und setzte mich neben einen fremden Mann.Tante Caro stieg vorne neben dem Fahrer ein, und das Auto fuhr los. Obwohl ich zum ersten Mal in einem Auto saß, erinnere ich mich kaum noch an die Fahrt. Der Wagen, die verregnete Landschaft aus rotem Staub, der Mann neben mir, der Fahrer, das alles ist verblasst. Nur an eins erinnere ich mich genau: an Tante Caros Handgelenk zwischen den beiden Vordersitzen und an ihre Armreifen. Sie waren wunderschön. Tante Caros Hände waren unglaublich anmutig. Nie habe ich sie etwas anderes als Geldscheine halten sehen.


 

© Wagenbach 2014

Sonja Finck  | sonja.finck@gmx.de