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Leslie Kaplan: Fever
(Unter dem Textauszug finden Sie ein Kurzporträt des Buchs und der Autorin.)



»Nicht so schnell, ich hab dir doch gesagt, nicht so schnell«, sagte Damien zu Pierre.

Ruhig, sagte Damien.

Pierre antwortete nicht.

»Vierter Stock«, sagte Damien. »Renn nicht so. Ruhig.«

Pierre antwortete nicht. Damien begann zu pfeifen.

Komm, sagte Damien. Dritter Stock. Noch zwei, sagte Damien.

Renn nicht so, hab ich gesagt. Wir sind gleich da.

Sie gingen die Treppe hinunter. Damien pfiff vor sich hin, Pierre schwieg.

»Wir sind gleich da«, sagte Damien erneut. »Gleich sind wir draußen.«

Draußen, wiederholte er und drückte die Tür zur Straße auf.

Wir sind auf der Straße, sagte Damien. Also dann, sagte Damien. Gehen wir.

»Ich komme mit dir«, sagte Pierre.

Kurzes Schweigen.

»Wir hatten doch gesagt, ich gehe rüber zum Platz«, sagte Damien. »Und du nimmst den Boulevard.«

»Ich weiß«, sagte Pierre, ohne sich zu rühren. »Ich weiß.«

Ich komme trotzdem mit dir.

Damien zuckte mit den Achseln.

Sie gingen gemeinsam die Rue Delambre entlang, bis zur Place Edgar-Quinet.

Der grüne Eingang zur Metro, das Kommen und Gehen, die Leute. Getümmel, es ist sechs Uhr abends.

Viel los auf den Terrassen der Cafés. Die runden, weißen Tische, einladend.

Die Stühle sehen aus wie Frauen, dachte Pierre. Sitzende Frauen. Man sieht ihre Beine, ihre Füße. Die Arme, die Knie.

Er wandte den Blick ab, schaute in den Himmel.

Tiefblauer Himmel, zwei Reihen Bäume, Frühlingsanfang. Ausladende Äste, Blätter.

Etwas weiter, die Friedhofsmauer, eine schweigende Wand.

»Komm, wir setzen uns«, sagte Damien und sah Pierre an.

Pierre wirkte abwesend.

Damien legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Es ist alles perfekt gelaufen«, sagte Damien.

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Und wir, sagte Damien, wir sind die Größten.

Pierre schwieg.

»Mann, es ist alles perfekt gelaufen«, sagte Damien erneut.

Pierre rührte sich nicht.

»Ich weiß, warum du Angst hast«, sagte Damien nach einer Weile.

Pierre sah ihn wütend an.

»Du hast Angst«, sagte Damien, »weil du glaubst, dass du Alpträume kriegst.«

Du glaubst, dass du sie nachts sehen wirst.

Pierre schüttelte den Kopf. Dann begann er zu lachen.

»Und du«, sagte Pierre, »wirst du sie nicht sehen?«

»Weiß ich nicht«, sagte Damien ernst. »Weiß ich nicht.«

Aber falls ich sie sehe, fügte Damien hinzu, dann weiß ich, dass es ein Traum ist.

Das ist mir schon ein paar Mal passiert. Ich träume und weiß gleichzeitig, dass es ein Traum ist. Gestern hatte ich einen Traum, den habe ich oft, ich renne und renne, ich komme zu einer Tür, sie ist abgeschlossen, ich will sie öffnen, ich schaffe es nicht, ich versuche es, ich versuche es mit Gewalt, ich rüttele an der Klinke, ich fange an zu schreien, Aufmachen, aufmachen, ich höre ein Lachen, ein furchtbares Lachen, das schrecklichste Lachen, das man sich vorstellen kann, es fängt ganz klein an, ganz leise, dann wird es immer lauter und lauter und nimmt immer mehr Raum ein. So als wäre ich in diesem Lachen gefangen und würde dagegen ankämpfen.

Aber die ganze Zeit weiß ich, dass es ein Traum ist.

Damien schüttelte den Kopf.

Ich hatte Angst, sagte Damien, aber ...

»Aber was?«, fragte Pierre.

»Hinterher denkt man nicht mehr daran«, sagte Damien achselzuckend.

»Aber das hier ist doch was anderes«, sagte Pierre hitzig.

»Warum?«, fragte Damien.

»Weil sie zurückkommen muss«, sagte Pierre und sah Damien in die Augen.

»Warum?«, fragte Damien erneut, betont langsam.

»Weil es keinen anderen Ort gibt, wo sie hinkann«, sagte Pierre, die Worte kamen wie von selbst.

»Red nicht solchen Schwachsinn«, sagte Damien gereizt.

Red nicht immer solchen Schwachsinn, wiederholte Damien.

Schweigen. Damien sah Pierre an.

»Sie war eine Nutte«, sagte Damien. »Basta.«

»Wir kannten sie gar nicht«, sagte Pierre.

»Eben«, sagte Damien. »Sie war eine Nutte und damit basta«, sagte Damien.

Dann sagte keiner mehr was. Sie hatten sich an einen Tisch gesetzt, Damien trank Cola, Pierre Kaffee.

Pierre dachte an den Friedhof. Er wollte nicht daran denken, aber er tat es nun mal.

Er sah den Friedhof, und er sah das Schweigen. Pierre hatte das Gefühl, die Luft um ihn herum sei ein Vorhang, der sich zuzog. Irgendetwas wurde enger, immer enger.

Damien beobachtete die Leute, die vorbeigingen. Plötzlich sagte er, Komm, wir gehen, und stand auf. Pierre stand auch auf.

Sie gingen nach Hause, jeder in seine Richtung.


© Berlin Verlag 2006



Zum Buch

Fever ist ein fesselnd erzählter Roman über die Mordtat zweier Pariser Schüler, über die "Banalität des Bösen", wie sie auch heute überall und jederzeit möglich ist. Der Roman setzt mit einem Paukenschlag ein: dem Mord an einer jungen blonden Frau, begangen von zwei Abiturienten, die sich ihr Opfer nach dem Zufallsprinzip ausgesucht haben.  Ein klassischer "acte gratuit", ein absurder Akt der Revolte, ganz in der Tradition von Dostojewskis Verbrechen und Strafe oder André Gides Verliesen des Vatikans. Und wie bei den Vorbildern steht nicht das Verbrechen im Zentrum, sondern die Auswirkungen auf die Täter. Bei beiden stellen sich, zunächst unmerklich, Störungen ein, Desinteresse, Aggressionsausbrüche, Albträume. War der Zufall, durch den sie sich vor Entdeckung geschützt glaubten, doch nicht so zufällig? Hatte das blonde Opfer nicht große Ähnlichkeit mit der verehrten, aber unerreichbaren Philosophielehrerin? Und liegt in der Familiengeschichte nicht ein Muster vor, dem sie unbewusst folgten? Pierres Großvater Elie, ein galizischer Jude, hat seit Jahren das Schweigen gewählt und Damiens Großvater René arbeitete für Vichy in der Kollaboration. Vererben sich verdrängte und verschwiegene historische Verbrechen weiter?



Zur Autorin
Leslie Kaplan wurde 1943 in New York geboren. Sie lebt seit 1945 in Paris. Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Psychologie arbeitete sie von 1968 bis 1971 in einer Fabrik.
Seit Jahren bietet sie Lese- und Schreibwerkstätten in Schulen und Bibliotheken der Vorstädte sowie an Universitäten an.

1983 debütierte sie mit Le Livre des ciels (deutsch: Das Buch der Himmel). Seitdem hat sie zahlreiche Essays und Romane verfasst.

Bisher sind mit Miss Nobody Knows, Les Prostituées philosophes, Le Psychanalyste, Les Amants de Marie und Fever (2005) fünf Bände des Zyklus "Depuis maintenant" erschienen.
Sonja Finck  | sonja.finck@gmx.de