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Kamel Daoud: Minotaurus 504

(Unter dem Textauszug finden Sie ein Kurzporträt des Buchs und des Autors.)

 

 

Der Freund in Athen

 

Als der Startschuss fiel, lief ich los.

 

Ich lief wie nie zuvor in meinem Leben, ich lief immer weiter. Den Kopf eingezogen, um den Windwiderstand zu verringern, der Körper ein zum Zerreißen gespanntes Gummiband zwischen Startnummer und Ziellinie, das Gesicht ein Stein, den ein Hirte mit seiner Schleuder in einer fließenden Bewegung abgeschossen hat, nachdem er das Gewicht in Gedanken geschätzt und ihn in der Hand gewogen hat, um dann die Plastikflasche ins Visier zu nehmen, die ihm als Beute dient. Ich trug schlechte, völlig abgelaufene Turnschuhe, an denen ich aber hing wie ein Bauer an seinen beiden Ziegen, ich trug eine schlechte Nummer, die mich an einen Unfall oder ein Unglück erinnerte, ich hatte eine schlechte Bahn erwischt, und ich hatte ein schlechtes Volk zum Anfeuern im Rücken, aber dann fiel der Startschuss, und alles war gut. Ich lief, wie ich es gelernt hatte, mit großen Schritten, die Arme seitlich am Brustkorb angewinkelt, den Kopf gesenkt, das Ohr an der Brust, um dem Herzschlag zu lauschen, die Augen nur noch auf meine Atempumpe gerichtet, deren Bewegung noch gleichmäßiger werden musste.

»Das ist wie beim Pferderennen«, hatte mein Trainer jeden Tag gesagt, noch gestern, und dabei mit rotem Filzstift einen Kreis um das Ziel gezogen, den Mittelpunkt der Zielscheibe, auf den mein Volk mit einem einzigen Finger zeigte. Für kurze Zeit spürte ich, wie die warme Luft sich gegen mich stemmte, ich spürte, wie die anderen Läufer sich gegen mich stemmten wie eine Meeresströmung oder ein böses Auge, das niemals blinzelt; ich spürte, wie das Publikum sich gegen mich stemmte, das rings um mich herum auf den himmelhohen Tribünen saß, auf den Wolken, vor allem aber auf meinen Schultern; ich spürte, wie meine Füße sich gegen mich stemmten, aber ich lief immer weiter, bevor ich anfing nachzudenken.


Das Stadion war groß wie Gottes Schöpfung, aber die Geräusche, die in ihm widerhallten, waren noch gewaltiger, sie klangen wie das Rauschen eines ungeheuren Ozeans im abgeschnittenen Ohr einer Muschel. Im Stadion nahm ich alle denkbaren Farben wahr, alle Verrücktheiten und alle Dinge, die einen Menschen kleinmachen, bis er nur noch ein unnummerierbares Sandkorn unter einer titanenhaften Tribüne ist. Die anderen Läufer rannten schneller als ich, während ich all die Hindernisse vor mir aufragen sah, die einen Algerier davon abhalten, mit kraftvollen Bewegungen durch die Welt zu laufen: er selbst, die Überzeugung, dass jede Anstrengung ohnehin vergeblich ist, die unumstößliche
Tatsache, dass die einzigen Algerier, die jemals gelaufen sind, dies 1962 getan haben, in den ersten Tagen der Unabhängigkeit, als die Geschichte ein Kinofilm war, der so schnell ablief, dass selbst diejenigen, die tatenlos herumsaßen oder keinen Finger krumm gemacht hatten, auf ein Ziel zuzulaufen schienen. Ein Film mit so grotesken Gesetzen, dass man sich etwas unter den Nagel reißen konnte, indem man es als Erster berührte; dass man reich werden konnte, indem man schneller lief als alle anderen und die Beute als Erster erreichte; dass man, indem man sich als Erster keuchend an die Mauer lehnte, das Haus eines Kolonialherrn in Besitz nehmen konnte, manchmal auch nur die lauwarmen Reste einer Mahlzeit oder ein Hemd; dass man beobachten konnte, wie Tote nach ihrer Erschießung durch die Kolonialherren wieder zum Leben erwachten, wie Menschen von Hausdächern fielen, nur um gleich darauf aufzuspringen und sich das Gesäß zu reiben, wie Menschenmassen sich um Männer scharten, die nichts zu sagen hatten und deren Lippen sich stumm zum monotonen Geklimper eines Pianisten bewegten.

 

© persona verlag 2012

 

 

Zum Buch 

Vier Personen erheben ihre Stimme: Ein in die Jahre gekommener Taxifahrer warnt in seinem klapperigen Peugeot 504 die Fahrgäste vor der Hauptstadt, die ihm seine Illusionen geraubt hat. Ein ehemaliger Luftwaffenoffizier hat mit eigenen Händen ein Flugzeug gebaut, das er auf der internationalen Messe in Algier ausstellt, doch es interessiert sich niemand dafür. Ein junger Algerier nimmt am 10 000−Meter−Lauf der Olympiade in Athen teil und kann nicht aufhören zu laufen. Ein Ghostwriter, der die Erinnerungen eines alten Analphabeten aufschreiben soll, fällt aus seiner Rolle und verändert den Text nach Gutdünken.
Verloren im Labyrinth ihrer Obsessionen, verfolgen diese "Helden" unermüdlich ihr Ziel. Sie kämpfen, um ihrem Dasein einen Sinn zu geben. In Daouds Erzählungen wird sichtbar, warum es in Algerien nach zehn Jahren Bürgerkrieg und weiteren zehn Jahren politischen Stillstands keinen "Frühling" gibt wie anderswo und weshalb Zehntausende junger Männer ihr Leben riskieren, um Europa über das Mittelmeer zu erreichen.
In Deutschland und Algerien wissen wir zu wenig voneinander. "Ich freue mich über die deutsche Ausgabe", schreibt Kamel Daoud, "in der Hoffnung, Ihre Leser mit einem imaginären Algerier und Araber bekannt zu machen."

 

Zum Autor
Kamel Daoud wurde 1970 in der algerischen Hafenstadt Mostanagem geboren. Er begann seine journalistische Laufbahn als Straßenreporter und ist heute Chefredakeur des "Quotidien d’Oran", in dem er die Kolumne "Raïna Raïkoum" ("Meine Meinung, Eure Meinung") veröffentlicht. Kamel Daoud bietet, wie er es nennt, "eine tägliche Dosis Subversion" an. Er schreibt französisch und veröffentlicht seine Artikel u.a. im Internetforum "Slate Afrique" und über Facebook. Seine Stimme ist ebenso eigenwillig wie ausdrucksvoll, seine Texte sind durch einen lebendigen, poetischen Stil und politischen Scharfsinn geprägt. Daoud hat in Algerien vier Bücher publiziert: Raïna Raïkoum, eine Sammlung seiner Kolumnen (2002), La Fable du Naïn (Roman, 2003), Ô Pharaon (Roman, 2005), L’Arabe et le vaste pay de ô... (Erzä2008). Für Letztere hat er 2008 den Mohammed−Dib−Preis erhalten. Le Minotaure 504 erschien 2011 in Paris bei Sabine Wespieser. Mit Minotaurus 504 macht der persona verlag das deutsche Publikum erstmals mit einem Autor bekannt, dessen sozial−politische Analysen und klare Sprache in seiner Heimat umso mehr geschätzt werden, als das algerische Fernsehen staatlich kontrolliert ist.

Sonja Finck  | sonja.finck@gmx.de